Presseberichte

Auszug aus der Tageszeitung "Die Rheinpfalz " vom 29.12.2011

 

 

Risiko Landstraße

Erstmals seit 20 Jahren steigt bundesweit die Anzahl der Verkehrstoten 2011 wieder an - voraussichtlich um sieben Prozent. In Rheinland-Pfalz werden dagegen deutlich weniger Todesopfer im Straßenverkehr erwartet. Als besondere Gefahrenquellen gelten nicht die Autobahnen, sondern die Landstraßen.

Mainz (ros). In den Abendstunden des 4. November gerät auf der Umgehungsstraße bei Hochspeyer (Kreis Kaiserslautern) eine 60-jährige Autofahrerin auf die falsche Straßenseite, ihr Wagen kracht in ein entgegenkommendes Fahrzeug. Der Frontalzusammenstoß ist in der Pfalz der wohl schlimmste Verkehrsunfall in diesem Jahr: Vier Menschen werden dabei getötet. Seit Jahrzehnten unternehmen Polizei und Verkehrssicherheitsexperten große Anstrengungen, um die Anzahl tödlicher Unfälle zu senken. Der Höchststand war bundesweit im Jahr 1970 mit 21.332 Verkehrstoten erreicht. Mit einer Charta für mehr Verkehrssicherheit setzte sich die EU das Ziel, die Anzahl der Verkehrstoten europaweit von 2001 bis 2010 zu halbieren.

Deutschland verfehlte dieses ambitionierte Ziel knapp: Im vergangenen Jahr lag die Zahl
der Todesopfer bei 3490 - im Jahr 2001 waren es 6977 gewesen. Auch Rheinland-Pfalz verpflichtete sich zur Umsetzung der EU-Charta, doch 2010 war man davon noch ein Stück entfernt: Die Quote konnte nur um 43 Prozent reduziert werden.

Dieses Jahr freilich könnten sich beide Entwicklungen umdrehen: Bundesweit wird überraschenderweise ein Anstieg der Verkehrsopferzahlen um sieben Prozent erwartet - auf wohl rund 3900 Tote. In Rheinland-Pfalz dagegen ist deren Anzahl weiter rückläufig: Bis Oktober - aktuellere Daten liegen bisher nicht vor - waren es 11,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das Ziel der EU-Charta könnte also mit einjähriger Verspätung erreicht werden.

Die positive Entwicklung in Rheinland-Pfalz sei keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sagt dazu der Sprecher des Infrastrukturministeriums, Eric Schaefer. Denn sie vollziehe sich vor dem Hintergrund einer deutlich wachsenden Verkehrsmenge. Zu den Anstrengungen der Landesregierung gehörten unter anderem Verbesserungen der Infrastruktur oder das finanziell unterstützte Sicherheitstraining für junge Auto- und Motorradfahrer. Ganz wesentlich trage aber die Polizei zu dem hohen Verkehrssicherheitsniveau bei. Sie orientiere sich bei ihren Maßnahmen und Kontrollen an den Hauptunfallursachen Geschwindigkeit, Abstand, Alkohol und Drogen.

Doch wieso lief 2011 die Unfallentwicklung bundesweit gegenläufig? Die Anzahl der Verkehrstoten stieg im Vergleich der Flächenländer vor allem in Thüringen (plus 26,4 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (plus 21,6), Sachsen-Anhalt (plus 17,1) sowie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (plus 12 Prozent) deutlich. Einen vergleichbaren Rückgang der Verkehrstoten wie in Rheinland-Pfalz gibt es nur noch in Brandenburg. Die Statistiker haben für diese Unterschiede bisher keine Erklärungen geliefert. Der bundesweite Trend hänge unter anderem mit dem Wetter zusammen: So habe wegen des warmen Frühlings die Zweiradsaison früh begonnen, dies habe zu einem starken Anstieg tödlich verletzter Fahrer und Mitfahrer von März bis Mai geführt.

Für die Diskussion um Tempolimits ist sicherlich diese Entwicklung von Interesse. Bundesweit kamen in diesem Jahr bis September auf Autobahnen sechs Prozent weniger Menschen ums Leben. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Todesopfer aber innerorts um 4,1 und auf Landstraßen außerorts sogar um acht Prozent. Auch in Rheinland-Pfalz bleiben die Landstraßen ein Risikofaktor: Nach wie vor sind etwa 60 Prozent der Verkehrstoten auf diesem Straßentyp zu beklagen. Die Landesunfallkonferenz habe deshalb die „Landstraßen in den Fokus gestellt”, sagte Schaefer. Dabei berücksichtige man vor allem die so genannten Baumunfälle: Diese machten zwar landesweit nur rund ein Prozent der gesamten Unfälle aus, doch die Konsequenzen sind oft schrecklich. Rund 25 Prozent der Verkehrstoten stehen laut Innenministerium in einem Zusammenhang mit Baumunfällen. Schaefer: „Dort wo sich solche Unfälle häufen, werden gezielte Maßnahmen wie etwa verbesserte Schutzsysteme eingesetzt, die insbesondere auch Motorradfahrer berücksichtigen.”

Auf der 2007 eröffneten Umgehungsstraße von Hochspeyer wurden in den ersten drei Jahren 43 Unfälle registriert: Mit Tempolimits, Anzeigentafeln, Sichtverbesserungen und Polizeikontrollen wurde gegengesteuert. Den schweren Unfall vom 4. November hat dieses Maßnahmepaket leider nicht verhindern können.

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