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Risiko Landstraße
Erstmals seit 20 Jahren steigt bundesweit die Anzahl der
Verkehrstoten 2011 wieder an - voraussichtlich um sieben Prozent. In
Rheinland-Pfalz werden dagegen deutlich weniger Todesopfer im
Straßenverkehr erwartet. Als besondere Gefahrenquellen gelten nicht
die Autobahnen, sondern die Landstraßen.
Mainz (ros). In den Abendstunden des 4. November gerät auf der
Umgehungsstraße bei Hochspeyer (Kreis Kaiserslautern) eine
60-jährige Autofahrerin auf die falsche Straßenseite, ihr Wagen
kracht in ein entgegenkommendes Fahrzeug. Der Frontalzusammenstoß
ist in der Pfalz der wohl schlimmste Verkehrsunfall in diesem Jahr:
Vier Menschen werden dabei getötet. Seit Jahrzehnten unternehmen
Polizei und Verkehrssicherheitsexperten große Anstrengungen, um die
Anzahl tödlicher Unfälle zu senken. Der Höchststand war bundesweit
im Jahr 1970 mit 21.332 Verkehrstoten erreicht. Mit einer Charta für
mehr Verkehrssicherheit setzte sich die EU das Ziel, die Anzahl der
Verkehrstoten europaweit von 2001 bis 2010 zu halbieren.
Deutschland verfehlte dieses ambitionierte Ziel knapp: Im
vergangenen Jahr lag die Zahl der Todesopfer bei 3490 - im Jahr
2001 waren es 6977 gewesen. Auch Rheinland-Pfalz verpflichtete sich
zur Umsetzung der EU-Charta, doch 2010 war man davon noch ein Stück
entfernt: Die Quote konnte nur um 43 Prozent reduziert werden.
Dieses Jahr freilich könnten sich beide Entwicklungen umdrehen:
Bundesweit wird überraschenderweise ein Anstieg der
Verkehrsopferzahlen um sieben Prozent erwartet - auf wohl rund 3900
Tote. In Rheinland-Pfalz dagegen ist deren Anzahl weiter rückläufig:
Bis Oktober - aktuellere Daten liegen bisher nicht vor - waren es
11,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das Ziel der
EU-Charta könnte also mit einjähriger Verspätung erreicht werden.
Die positive Entwicklung in Rheinland-Pfalz sei keineswegs eine
Selbstverständlichkeit, sagt dazu der Sprecher des
Infrastrukturministeriums, Eric Schaefer. Denn sie vollziehe sich
vor dem Hintergrund einer deutlich wachsenden Verkehrsmenge. Zu den
Anstrengungen der Landesregierung gehörten unter anderem
Verbesserungen der Infrastruktur oder das finanziell unterstützte
Sicherheitstraining für junge Auto- und Motorradfahrer. Ganz
wesentlich trage aber die Polizei zu dem hohen
Verkehrssicherheitsniveau bei. Sie orientiere sich bei ihren
Maßnahmen und Kontrollen an den Hauptunfallursachen Geschwindigkeit,
Abstand, Alkohol und Drogen.
Doch wieso lief 2011 die Unfallentwicklung bundesweit
gegenläufig? Die Anzahl der Verkehrstoten stieg im Vergleich der
Flächenländer vor allem in Thüringen (plus 26,4 Prozent),
Mecklenburg-Vorpommern (plus 21,6), Sachsen-Anhalt (plus 17,1) sowie
Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (plus 12 Prozent) deutlich.
Einen vergleichbaren Rückgang der Verkehrstoten wie in
Rheinland-Pfalz gibt es nur noch in Brandenburg. Die Statistiker
haben für diese Unterschiede bisher keine Erklärungen geliefert. Der
bundesweite Trend hänge unter anderem mit dem Wetter zusammen: So
habe wegen des warmen Frühlings die Zweiradsaison früh begonnen,
dies habe zu einem starken Anstieg tödlich verletzter Fahrer und
Mitfahrer von März bis Mai geführt.
Für die Diskussion um Tempolimits ist sicherlich diese Entwicklung
von Interesse. Bundesweit kamen in diesem Jahr bis September auf
Autobahnen sechs Prozent weniger Menschen ums Leben. Gleichzeitig
stieg die Anzahl der Todesopfer aber innerorts um 4,1 und auf
Landstraßen außerorts sogar um acht Prozent. Auch in Rheinland-Pfalz
bleiben die Landstraßen ein Risikofaktor: Nach wie vor sind etwa 60
Prozent der Verkehrstoten auf diesem Straßentyp zu beklagen. Die
Landesunfallkonferenz habe deshalb die „Landstraßen in den Fokus
gestellt”, sagte Schaefer. Dabei berücksichtige man vor allem die so
genannten Baumunfälle: Diese machten zwar landesweit nur rund ein
Prozent der gesamten Unfälle aus, doch die Konsequenzen sind oft
schrecklich. Rund 25 Prozent der Verkehrstoten stehen laut
Innenministerium in einem Zusammenhang mit Baumunfällen. Schaefer:
„Dort wo sich solche Unfälle häufen, werden gezielte Maßnahmen wie
etwa verbesserte Schutzsysteme eingesetzt, die insbesondere auch
Motorradfahrer berücksichtigen.”
Auf der 2007 eröffneten Umgehungsstraße von Hochspeyer wurden in den
ersten drei Jahren 43 Unfälle registriert: Mit Tempolimits,
Anzeigentafeln, Sichtverbesserungen und Polizeikontrollen wurde
gegengesteuert. Den schweren Unfall vom 4. November hat dieses
Maßnahmepaket leider nicht verhindern können.
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